Von Andreas Wocke | RiseOfMind.com
Indien ist ein Land, das einen nicht loslässt. Seit meinem ersten Besuch 2009 bin ich in der Regel zwei- bis dreimal jährlich dort – und jede Reise bringt neue Eindrücke, neue Erkenntnisse, und immer wieder neue Überraschungen. Was mit ersten Kundenbesuchen bei BOSCH in Bangalore (heute Bengaluru) begann, hat sich über die Jahre zu etwas Dauerhafterem entwickelt: Aus einer Zusammenarbeit mit ersten Kollgen (mit denen ich immer noch zusammenarbeite) entstand eine indische Niederlassung, die heute mit rund 70 Kollegen in Bengaluru in den Bereichen Softwareentwicklung, Testing und Vertrieb aktiv ist - mit seinen Höhen und Tiefen, die die Zeit nunmal so mit sich bringt. Diese Artikelserie ist kein Reisebericht und keine akademische Analyse. Es sind meine persönlichen Eindrücke aus der Praxis – subjektiv, sicher unvollständig, aber ehrlich.
Wer über eine Zusammenarbeit mit Indien nachdenkt – ob als Unternehmer, Manager oder einfach als neugieriger Beobachter – dem möchte ich einen nüchternen, praxisnahen Einblick geben. Ohne Klischees, ohne Schönfärberei.

Der Flughafen – ein erster Eindruck in zwei Akten
Einreise: Willkommen in der Bürokratie
Wer in Indien landet, merkt schon an der Passkontrolle, dass die Uhren hier anders ticken. Seit einigen Monaten gibt es zwar eine Online-Vorabregistrierung, die den Prozess etwas vereinfachen soll – der eigentliche Ablauf hat sich dadurch aber nicht verändert. Jeder Besucher wird minutenlang sorgfältig bearbeitet: Der Beamte schaut hier, schreibt da, fragt, prüft und vergleicht – fünf Minuten und mehr pro Person sind keine Seltenheit. Kommen mehrere Flieger gleichzeitig an, kann das schon mal 2 Stunden dauern, bis man aus dem Flughafen raus ist. Es gibt sicher effizientere Systeme. Indien hat seinen ganz eigenen Umgang mit Bürokratie, und der ist tief verwurzelt – dazu später mehr.
Ausreise: Eine Besonderheit, die man kennen sollte
Wer zum ersten Mal von Indien abreist, erlebt eine Überraschung, die ich in dieser Form aus kaum einem anderen Land kenne: Ins Abflugterminal kommt man nur hinein, wenn man nachweisen kann, dass man auch wirklich fliegt. Klingt logisch – hat aber einen Haken. Man bekommt beim Online-Checkin keine Bordkarte auf das Smartphone. Die Bordkarte bekommt man erst im Terminal, am Check-in-Schalter. Was man braucht, um überhaupt ins Gebäude hineinzukommen, ist die Buchungsbestätigung – idealerweise ausgedruckt, falls man sein Smartphone dem Soldat in voller Montur nicht aushändigen will. Wer die nicht dabei hat, steht erstmal vor verschlossenen Türen.
Aktuell werden automatische Schranken installiert, die auch digitale Buchungsbelege akzeptieren. Sicher wird sich der Prozess irgendwann mal ändern, aber bis das flächendeckend gilt: Buchungsbestätigung idealerweise ausdrucken, bevor man zum Flughafen fährt.

Verkehr: Chaos als Normalzustand
Der nächste und unvermeidliche Eindruck folgt auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt.
Der Verkehr in Bengaluru ist ein Phänomen für sich. Zwei Kilometer können schon mal 30 Minuten dauern – das ist keine Ausnahme, sondern Alltag. Laut dem TomTom Traffic Index verlor ein durchschnittlicher Bangalorean im Jahr 2024 über 132 Stunden im Stau. 2025 stieg dieser Wert auf 168 Stunden – mehr als sieben volle Tage pro Jahr. Bengaluru belegt damit aktuell Platz 2 der am stärksten verstopften Städte weltweit.
| Stadt | Verlorene Stunden/Jahr im Stau | Durchschnittsgeschwindigkeit |
|---|---|---|
| Bengaluru | 168 Stunden | 18 km/h |
| Delhi | 128 Stunden | 17,7 km/h |
| Mumbai | 121 Stunden | 17,5 km/h |
| Kolkata | 106 Stunden | 18,2 km/h |
Quelle: TomTom Traffic Index 2025
Der Zustand vieler Straßen ist schlecht, Müll ist allgegenwärtig, und das Regelwerk der Verkehrsteilnehmer folgt einer eigenen Logik, die man als Europäer nicht einschätzen kann.
Zu Fuß gehen ist in Bengaluru keine gute Idee – und das ist mehr als eine Frage des Komforts. Fußgänger zählen in Indien zu den am stärksten gefährdeten Verkehrsteilnehmern überhaupt. Laut dem India Status Report on Road Safety 2024 des IIT Delhi sind Fußgänger, Radfahrer und Zweiradfahrer zusammen für den weitaus größten Anteil der Verkehrsopfer verantwortlich. In einigen indischen Bundesstaaten wie Bihar und Westbengalen sind Fußgänger sogar die häufigste Opfergruppe bei tödlichen Verkehrsunfällen. Im Jahr 2024 kamen in Indien rund 180.000 Menschen bei Straßenverkehrsunfällen ums Leben – Indien trägt damit trotz deutlich geringerer Fahrzeugdichte pro Kopf rund 6 % aller weltweiten Verkehrstoten. Wer also in Bengaluru unterwegs ist, tut gut daran, das zu Fuß gehen auf kurze, übersichtliche Wege zu beschränken und bei Fahrten generell auf lokale Fahrer zu setzen.
Was sich gleichzeitig verändert hat: In den letzten zehn Jahren wurde der Fahrzeugpark auf Bengalurus Straßen sichtbar moderner. Es sind immer mehr neue Autos, die sich heute durch den Stau schieben – ein stilles Zeichen wirtschaftlichen Aufschwungs. Deutsche Fahrzeuge sieht man eigentlich nicht, Maruti Suzuki (ein indischer Automobilhersteller und Tochtergesellschaft der japanischen Suzuki Motor Corporation) dominiert den Markt.

Strom, Internet und Resilienz
Wer in Deutschland schon einmal über einen kurzen Stromausfall geklagt hat, bekommt in Indien schnell eine neue Perspektive.
Im Sommer sind mehrere Stunden Stromausfall pro Tag keine Ausnahme – das ist einkalkulierter Alltag. Die meisten Unternehmen, auch kleine und mittlere Betriebe, haben Notstromaggregate, die unterbrechungsfrei einspringen. Sitzt man in einem gut aufgestellten Büro, merkt man den Ausfall kaum. Es gibt ganze Bezirke, die für die Industrie tageweise den Strom abstellen. Schwer vorzustellen, dass die Elektromobilität unter den Voraussetzungen hier schnell voran kommt.
Ähnlich beim Internet: Unternehmen, die verlässlich erreichbar sein müssen, halten in der Regel mehrere redundante Verbindungen vor – verschiedene Anbieter, verschiedene Technologien. Was nach Aufwand klingt, ist in Indien schlicht Teil einer durchdachten Infrastrukturplanung. Die Resilienz, die indische Unternehmen dabei entwickelt haben, ist bemerkenswert. Sie haben gelernt, mit Unwägbarkeiten umzugehen, wo wir im Westen mit Gewissheiten planen und bei kleinen Störungen schnell hilflos sind.
Sprache: Englisch als Selbstverständlichkeit
Ein Thema, das für viele deutsche Unternehmer eine Hürde sein könnte, ist es in Indien nicht: Nahezu jeder spricht Englisch. Das gilt nicht nur für die Geschäftswelt, sondern auch für alltägliche Situationen. Indien hat Englisch als Amts- und Bildungssprache so verinnerlicht, dass die Verständigung in der Praxis reibungsloser funktioniert als in manchem europäischen Land. Ein erheblicher Vorteil, der die Zusammenarbeit – zumindest sprachlich – deutlich einfacher macht als viele erwarten. Einzige Hürde ist der Dialekt und die Sprachgeschwindigkeit, die einen selbst mit guten englsichkenntnissen dann doch veranlasst, ab und zu mal nachzufragen.
Bengaluru : Boom, Wasserkrise und der Drang nach Wachstum
Bengaluru ist das unbestrittene Technologiezentrum Indiens. Hier sind die großen IT-Konzerne, die Call-Center, die Startups. Die Stadt ist Heimat von Indiens 194-Milliarden-Dollar-IT-Industrie und beherbergt globale Konzerne wie Google, Infosys und Wipro.
Doch das Wachstum hat seinen Preis bezahlt – und der ist hoch.
Bengaluru hat in den letzten 30 Jahren 74 % seiner Seen und Flussläufe verloren, die Flächen liegen heute unter Beton. Seit Anfang 2024 kämpft die Stadt mit einer der schwersten Wasserversorgungskrisen ihrer Geschichte. Der tägliche Bedarf liegt bei rund 2.600 Millionen Litern, verfügbar sind nur etwa 2.100 Millionen Liter. Das Hauptreservoir, der Cauvery-Fluss, liegt rund 100 Kilometer entfernt und muss mit großem technischen Aufwand um fast 300 Höhenmeter gepumpt werden. Ganze Stadtteile sind auf private Wassertanker angewiesen.

Die Konsequenzen sind auch für Unternehmen spürbar: Immer mehr IT-Firmen weichen auf andere Standorte aus. Hyderabad hat sich dabei als klarer Gewinner positioniert. Zwischen April 2023 und April 2024 stiegen die IT-Stellenausschreibungen dort um 41,5 %, verglichen mit 24 % in Begaluru. Google etwa hat sein größtes Büro außerhalb der USA bewusst in Hyderabad errichtet – nicht in Begaluru.
Klima und Standortwahl: ein unterschätzter Faktor
Wer einen Standort in Indien plant, sollte das Klima ernstnehmen – nicht aus touristischen Gründen, sondern wegen der direkten Auswirkungen auf Mitarbeitergewinnung, Produktivität und Betriebskosten.
Bengaluru hat hier traditionell einen klaren Vorteil: Die Stadt liegt auf einem Plateau von rund 900 Metern Höhe und genießt ganzjährig ein vergleichsweise angenehmes Klima. Für Besucher aus Mitteleuropa ist das gut auszuhalten – das ist keineswegs selbstverständlich in Indien.
Städte wie Hyderabad oder Chennai sind ein anderes Kaliber. Die Hitze dort kann für Menschen aus dem mitteleuropäischen Raum schwer erträglich sein, besonders in den Sommermonaten. Das beeinflusst, wie lange westliche Kollegen vor Ort arbeiten können und wollen – und es wirkt sich auf die Attraktivität des Standorts für lokale Fachkräfte aus.
Was kommt als nächstes?
Im zweiten Teil dieser Serie geht es an den Kern der Zusammenarbeit: Recruiting, Loyalität, Moonlighting, Arbeitsrecht und Gehaltserwartungen – und wie man indische Kollegen sinnvoll ins westliche Unternehmen einbindet. Auch ein Thema, das in der Praxis regelmäßig unterschätzt wird, kommt dort zur Sprache: der Weg eines indischen Kollegen nach Deutschland – und was das bürokratisch wirklich bedeutet.
Quellenverzeichnis
- TomTom Traffic Index – Bengaluru
https://www.tomtom.com/traffic-index/city/bengaluru
(Bengaluru gehört laut TomTom Traffic Index zu den weltweit am stärksten verstopften Städten.) - Newsreel Asia – Bengaluru, Mumbai, Delhi Among Cities with Worst Traffic Congestion Globally (Jan. 2025)
https://newsreel.asia/articles/traffic-congestion-delhi-bengaluru-mumbai - Asia Pacific Foundation – Indian Tech Hub Bengaluru Reeling from Water Crisis (Mai 2024)
https://www.asiapacific.ca/publication/indian-tech-hub-bengaluru-reeling-water-crisis
(Bengalurus rasantes Wachstum hat zu Wasserknappheit und steigender Abhängigkeit von Tankwagen geführt.) - Business Today – IT Sector Sees Job Growth in Tech Hubs Bengaluru and Hyderabad (Mai 2024)
https://www.businesstoday.in/technology/news/story/it-sector-sees-job-growth-in-tech-hubs-bengaluru-and-hyderabad-despite-national-slowdown-430775-2024-05-24 - India Status Report on Road Safety 2024 – IIT Delhi
https://www.drishtiias.com/daily-updates/daily-news-analysis/india-status-report-on-road-safety-2024 - Data For India – Road Accident Deaths (Jan. 2025)
https://www.dataforindia.com/road-accident-deaths/ - Analytics India Magazine – Will Hyderabad Dethrone Bangalore’s IT Status?
https://analyticsindiamag.com/it-services/will-hyderabad-dethrone-bangalores-it-status/
(Der Artikel analysiert den wachsenden Wettbewerb zwischen Hyderabad und Bengaluru als IT-Hub.)